Malawi | Travel Diary | Juli 2016

Tim und Martin haben letztes Jahr im Sommer die Dörfer in Malawi besucht, in denen wir durch Spendenbeiträge bereits Toiletten bauen konnten. Wie es ist durch diese Landschaft Afrikas zu reisen, welche Freude die Menschen dort ausstrahlen und was Gesundheit durch sauberes Trinkwasser bedeutet, hat Tim in einem kleinen Reisebericht zusammengefasst.

Tag 1 – Ankunft

Ich habe wie immer meine In-Ear Kopfhörer drin und wippe zur Musik, während Martin neben mir Rechnungen schreibt oder schläft.
Während unserem ruhigen Flug von Johannesburg nach Lilongwe überlegen wir uns wie wir am besten und schnellsten Einreisen. Denn seit Oktober 2015 hat Malawi eine neue Visa Regelung eingeführt und alle Länder, für die Malawi ein Visum braucht für Malawi Visumpflichtig gemacht. Was meiner Meinung nach nicht Ziel führend sein wird. Die Hohen Kosten von 75 – 250 USD, je nach Visa Art, werden viele Reisende davon ab halten Malawi zu besuchen.

Ja das Land braucht Geld, aber es von den Menschen zu nehmen, die das Land bereisen und Ihre Geschichten und Erfahrungen mit der Welt teilen halte ich für den falschen Ansatzpunkt.
Der SAA Flug senkt sich nach ca. 2 Stunden wieder dem Boden zu und das Personal sammelt die letzten Appeltizer Dosen ein.

Dann geht es vom Flugzeug in den Bus in die spärlich beleuchtete Empfangshalle des International Airports of Lilongwe. Der Raum ist länglich aufgebaut und mündet in eine kleine Halle, an der das Gepäck ankommt und zwei Leute hinter Glasscheiben dir versuchen überteuert die einheimische Währung „Malawi Kwacha“ zu verkaufen. Am rechten Rand des Korridors sehen wir eine Ansammlung an Ständen. Erst beim näheren betrachten fallen uns die sich leicht abwählenden Sticker mit der Aufschrift „VISA STICKER“ auf und wir setzen uns an die Spitze der Gruppe, die immer noch Hinter uns aus dem Bus tropft.
An dem Stand mit der Überschrift „FORMULA“ empfängt uns eine junge Bedienstete und drückt uns zwei Einreiseformulare entgegen.
Es ist uns immer eine Herzensangelegenheit dieses Land zu bereisen, aber gelegentlich kann man nur mit dem Kopf schütteln. Da führt das Land eine Visumpflicht ein, verlangt 75 USD dafür und hat noch nicht mal Stifte zum ausfüllen des Antrages.
Naja halb so schlimm in einem Land, das in den ländlichen Regionen der eigenen Bevölkerung ausreichend Trinkwasserbrunnen zur Verfügung stellen kann.
Während wir uns mit einen geliehenem Kulli darum bemühen so schnell wie möglich und halbwegs leserlich alles aus zu füllen drängeln sich immer mehr Menschen in den länglichen Empfangsraum. Nach dem die ersten Formalitäten geklärt, insgesamt 150 USD über den Tisch gegangen sind und ein schöner großer VISA STICKER eine Seite unseres Reisepasses schmückt geht es nun zurück in die Schlange zur normalen Einreise.
Irgendwo hat dieses Land gesehen, dass große Nationen vom Terror erschüttert sind und nur sehr bedacht Menschen in ihr Land lassen. Daraufhin haben Sie sich entschlossen alle bekannten Gesichter mehr oder weniger so durch zu winken und allen anderen Fingerabdrücke ab zu nehmen. Bei dem Gedränge, den lautstarken Diskussionen, der dürftigen Beleuchtung und eine Art von VIP Gästen kommt man sich fast vor wie in einem deutschen, angesagten Club. Nur das wummern des Basses durch die Tür ist nicht zu hören, sonder das Quietschen des gerade gestarteten Gepäckbandes.
Wie bei der Vergabe von Bananen in der DDR oder Freibier auf einem Schützenfest stürzen sich die Menschen auf das Gepäckband, das komplett überfordert ist mit der Menge an Gepäck aus der A340 Maschine. Gepäckstücke werden wild vom Band gerissen um Platz für Neues zu schaffen. Kurze Zeit später wühlen wir uns vollbepackt den Weg durch die Menschenmenge in Richtung Ausgang. Ein letzte provisorische und nachlässig durchgeführte Taschenkontrolle hält uns noch kurz auf und einige Sekunden später begrüßt uns Titi Titus Mwanjabe freudestrahlend.
„How are you doing guys? Welcome to Malawi. Good to see you again.“ ruft er uns lautstark lachend ins Gesicht.
Titi Titus Mwanjabe ist in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis geboren und lebt seitdem hier.
Bei unserem ersten Besuch des Satemwa Estates, welches für seinen Spezialitäten Kaffee und Tee bekannt ist, hat Martin ihn kennengelernt. Über die letzten 3 Jahre ist ein wahre, herzliche und globale Freundschaft daraus geworden. Er leitet das Sandi Rehabilitation and Theraphy Centre, welches sich als einzige Organisation in ganz Malawi um die Bedürfnisse von behinderten Kindern kümmert. Angefangen als Einzelkämpfer hat er nun mehrere Mitarbeiter und wird durch die giz unterstützt.
„The situation in this country is flat. It is the same as yesterday and will be the same tomorrow.“

Sein runder Bauch hebt sich bei jedem Schritt durch sein Woyton Trikot, was wir ihm bei seinem letzten und ersten Besuch in Deutschland geschenkt haben, und dann deutet er auf einen großen Bus, den er für sein neues Projekt gekauft hat.
Kaum ist das Gepäck im Bus verstaut kommt ein Mann mit Kind um das Auto und guckt uns mit fragenden Augen an „Do you know that the Tire is flat?“ Und so stehen wir da. Am Flughafen von Lilongwe und beobachten drei pfiffige Kerle beim Reifen wechseln. Die Belohnung sind 2000 MWK und 1 USD.

Die Jungs verabschieden sich und gehen wieder über den Parkplatz, immer darauf bedacht den ankommenden Menschen zu helfen und dafür ein wenig Trinkgeld zu bekommen. Die Jungs haben alte Fussballtrikots und nicht ganz passende Flipflops an. Während Titi die Schrauben an dem neuen Reifen festzieht und ein schlechter Witz über tight und Titus gemacht wird überkommt mich ein warmes Gefühl. Wir sind wieder da „in the warm heart of Africa“, ich fühle mich wohl.

Auf dem Weg zu unserem Stammhotel dem Kiboko Townhotel werden wir von einem hohen Aufgebot an Sicherheitskräften begleitet. „I told them that 2 German guys are coming. HAHAHAHAHAHaa. No our President is comming in within one hour or so.“
Der Präsident Peter Mutharika ist seit dem 31. Mai 2014 im Amt und scheint das Land wieder Stabiltät zu geben. Das Geld, dass während der Amtszeit seiner Vorgängerin Joyce Banda unrechtmäßig dem Land entwendet wurde, wird nun Stück für Stück wieder geholt.

Aufgrund des gesteigerten Verkehrs nehmen wir einen kleinen Umweg, der uns direkt an dem neuen gigantischen Stadion der Stadt vorbei führt. Das Stadion ist ein Geschenk der Chinesen und ist dem verstorbenen Bruder des Präsidenten gewidmet, der es ursprünglich für Blantyre vorgesehen hatte. Das Bingu National Stadion ist ein riesiger, offener Betonbau, das vom Aussehen her an eine offene Muschel erinnert.
Uns erscheint es völlig unwirklich. Ein Stadion, das wahrscheinlich genauso viele Menschen wie die Esprit Arena von Düsseldorf fasst – in Lilongwe. „It is a poison gift, because we can not use it. It’s like givining a child in Chimteka an iPad.“ Denn leider fehlt dem Land das nötige Geld (800.000 USD) um den Bau fertig zu stellen. Wasserleitungen, Elektrizität und einiges mehr sind nicht fertiggestellt und so wird es dort für sehr sehr lange Zeit stehen.
Vielleicht wird es eines Tages benutzt, vielleicht wird es abgerissen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es ein riesiger Bau, der alle Bewohner Lilongwe daran erinnert, dass Ausländerche Unternehmen mit großen Geschenken versuchen sich politischen und ökonomische Vorteile in ihrem Land zu sichern.
Der Uzulu House Sound, dröhnt weiter durch die scheppernden Autoboxen und verstummt erst, als wir an unserem Hotel angekommen sind.

Nach einem eher ernüchternden EM Finale, das wir gemeinsam mit Titi und seinem Bruder Chapata geguckt haben gehen wir nach 90 Minuten purer langweile frühzeitig ins Bett und verabreden uns für 9:45 am nächsten Morgen.

Tag 2 – Auf nach Mchinji

Um 8:00 Uhr klingelt der Wecker lieblich direkt neben meinem Ohr und fällt vor lauter Vibration fast vom Nachttisch. Mein erste Bewegung Richtung Wecker wird von dem Mosquito Netz aufgehalten und so dringt langsam das erste Tageslicht in meine noch müden Augen.
Martin wartet bereits am Frühstückstisch auf mich und kommt mir mit einer großen, frischen Tasse Kaffee entgegen. „Das Internet funktioniert hier unten nicht.“ sagt er mir im vorbei gehen und schlägt im gleichen Atemzug vor auf die Vorderseite des Hotels zu gehen und erstmal wach zu werden. „Guten Morgen“ bringe ich ihm entgegen.

Gesagt getan einige Zeit später haben wir die wichtigsten Emails geschrieben und das Frühstück verputzt. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt uns, dass wir noch genügend Zeit haben um zu packen und zu duschen. Sehr wichtig heute, denn die Wahrscheinlichkeit die nächsten Tage zu duschen ist gering. Wir möchten in dem Dorf schlafen, dass Schauplatz unseres aktuellen Projektes ist. Auf unser Tagesordnung steht heute der Besuch des Chimteka Village. Der Ort, an dem die Geschichte des Kumanga e.V. begonnen hat. Der Ort, an dem am 10 November 2013 der erste Brunnen gebaut wurde. „Der Name des Projektes war damals „Kumanga Mijigo“ – Brunnen bauen, und war auch der Name unseres nächsten Projektes im Juli 2014, als der zweite Brunnen in Mwinjiliro Village gebaut wurde. Aber die Geschichte von Mwinjiliro Village erzähle ich Euch ein anderes mal.
Seitdem haben wir gemeinsam mit den Menschen aus Chimteka Village weitere Entwicklungsschritte besprochen und den Bau von kompostherstellenden Toiletten fokussiert. Bis heute wurden 16 Toiletten unter dem Projektnamen „Kumanga Zimbudzi“ – Toiletten bauen fertig gestellt. Die Bauarbeiten haben sich in zwei Phasen aufgeteilt. Den Bau der ersten 10 fand im August 2015 statt, als wir das letzte mal vor Ort waren um die Arbeiten zu dokumentieren. Die nächsten 6 hat das Dorf in eigener Regie Anfang Mai gebaut .Und diese gilt es heute zu begutachten.
Es ist ein wichtiger Schritt, denn sollten die Toiletten in einem guten Zustand sein und ohne bauliche Mängel, zeigt es, dass das Dorf gemeinsam mit unserem Partnern vom SRATC in der Lage ist, Projekte eigenständig vor Ort zu realisieren.

Also steigen wir um 10 Uhr vollgepackt und hochmotiviert in das Auto von Titi – Ein alter 4 Wheel Drive von Toyota, der schon den einen oder anderen Kilometer hinter sich gebracht hat. Die schmutzigen Reifen und Risse in den Fenstern zeugen von vielen schlechten Straßen.
Der Verkehr ist an diesem morgen besonders schlimm. „It’s a typical monday morning“ teilt uns Titi mit ruhiger Stimme mit. Er ist wahrscheinlich der Meinung, dass diese ineffiziente Verkehrsführung uns Deutsche nervt. Und wer will es ihm verübeln. Vor 1 1/2 war er als Special Guest unserer Filmpremiere von dem „Kumanga Mijigo“ Film in Deutschland. Seitdem ist Autobahn nicht nur sein neues Lieblingswort, sondern seine Ehrfurcht vor Deutschland noch größer. Aber uns beide erfreut das hohe Verkehrsaufkommen, nicht weil wir gerne im Stau stehen, sondern weil es ein Zeichen von mehr Wohlstand ist.

In dem nächstgelegen Supermarkt versorgen wir uns mit unserer Lieblings Reiseverpflegung: Kekse und Wasser.
Die Fahrt in das ca. 130 km entfernte Chimteka verläuft ansonsten unproblematisch und wir diskutieren die aktuelle Lage in der Region Mchinji. Viele der Dörfer haben immer noch keinen Zugang zu sauberem und sicherem Trinkwasser und viele Menschen leiden nach wie vor an den schwerwiegenden Folgen von Diarrhö und Malaria. „People die here all the time.“ hat mal eine Mitarbeiterin von Titi gesagt und das an so „einfachen“ Krankheiten. Die Verfügbarkeit von den günstigen (0,90€ pro Behandlung) und lebensrettenden Malaria Tabletten ist nach wie vor unzureichend und so kommt es häufig vor, dass die regionale „health station“ keine vorrätig hat. Chimteka Village selber gehe es sehr gut und die Situation habe sich nachhaltig verbessert.

Es sei nun an der Zeit das weitere Vorgehen in dem Dorf zu besprechen, so Titi und guckte uns mit großen Augen an. Er hatte sich extra 3 Tage Urlaub genommen, um mit uns in das Dorf zu reisen und hat wohl Großes vor.
„Aktuell gibt es viele Investoren, die and EDC (Early Child Development) interessiert seien und große Summen zur Verfügung stellen. Es ist entscheidend bei den jüngsten der Gesellschaft ein neues Denken zu schaffen.“ ist nur eine der großen Ideen von Titi. „It’s for sure longterm, but its very important.“ „We just need to build a school and once we got the structure, Gouvernement will provide us teachers. Then we just have to ensure that they have the right mind setting and attitude.“ Doch so schnell geht es nicht. Schritt für Schritt in die richtige Richtung.

Martin und ich hatten schon öfter über das weitere Vorgehen in der Region gesprochen. Wir waren uns schnell einig, dass wir uns langfristig vor Ort engagieren müssen und auch wollen, um nachhaltig etwas zu bewegen. Die Meinungen, wie dies von statten gehen sollte, gingen aber stark auseinander.

Im wesentlichen haben sich zwei Modelle heraus kristalisiert:

  1. Das Dorf Chimteka als Vorzeige Dorf sehr weit zu entwickeln und die Menschen in die Lage zubringen sich selber voran zu bringen und selber Geld zu verdienen. Mit der Hoffnung, dass es sich auf die ganze Region überträgt und das Wissen und Geld verbreitet wird.
  2. Allen anderen Dörfern in der Region eine grundlegende Versorgung zu ermöglichen. In Fromeines Trinkwasserbrunnens pro Dorf und genügend kompostherstellenden Toiletten.

Meine Sorge bei dem 1. Modell ist, dass die anderen Dörfer neidisch werden und anfangen Sachen zu stehlen oder die Kinder zu mobben. Ich wollte keine Ungleichheit in einer Region fördern, die Ungleichheit nicht kennt.
Die Problematik an dem 2. Modell ist der hohe finanzielle Aufwand ohne wirkliche Veränderung.5500€ pro Brunnen ca 420€ pro Toilette.

Also haben wir mit Titi im Auto darüber diskutiert. Er hat schon jahrelange Erfahrung, wie man effektive Entwicklungs- und soziale Arbeit leistet. Mit seinen Organisationen SRATC und Sand Tandiza, der gemeinnützige Verein der Organisation, hat er schon 6 stellige internationale Spendengelder generiert. Er sieht es als notwendig an Chimteka als Bestcase Beispiel auszubauen und dann dem Gouvernement vorzustellen. Denn dann kann das Gouvernement weitere Gelder zur Verfügung stellen, um anderen Dörfern das gleiche zu ermöglichen. Wir müssten nur einmal zeigen, welche positive Auswirkungen diese Entwicklungen für die Dörfer haben. Für mich klingt es glaubwürdig und es ist zum ersten mal die Brücke zwischen unseren beiden Modellen. Das Dorf wird ausgebaut und andere Dörfer profitieren davon.

Um den Bestcase zu erreichen braucht das Dorf:

  1. sauberes & sicheres Trinkwasser
  2. eine grundlegende sanitäre Versorgung durch genügend Toiletten
  3. ausreichend und gesunde Nahrung, mit Hilfe des natürlich Kompostes der Toiletten
  4. eine Möglichkeit selber Geld zu verdienen
    1. Durch Sonnenblumen Öl
    2. Durch Maismühle

Wie hypnotisieret beobachte ich das Staidoskop, welches über dem Rückspiegel hängt und bei jeder Bodenwelle mitwippt. Es scheint so einfach zu sein und doch so weit entfernt. Wir haben auch schon gute Kontakte zu der Malawischen Botschaft in Berlin. Es ist komplett logisch und der weitreichendste Schritt. Sollte uns das gelingen, müssen wir nicht mehr alleine Spendengelder sammeln, sondern können auf größere Budgets zugreifen. Nichts desto trotz müssen wir zu erst unsere Hausaufgaben erledigen und die vier Punkte erreichen.
Aktuell sind wir noch an Punkt 2 – Toiletten und sind gerade auf dem Weg einen weiteren wichtigen Schritt zu machen. Die Eigenständigkeit des Dorfes zu verifizieren.
Nach einiger Zeit und den besten Club Chart Hits aus Afrika kommen wir auf den letzten Abschnitt der Strecke zu unserem Dorf. Kurz vor Mchinji biegen wir rechts an einer großen, viel beschäftigten Kreuzung ab und nach wenigen Metern wieder rechts auf die Buckelpiste nach Chimteka.
Das Getöse ist groß, als wir durch das erste Dorf mit unserem 4 Wheel Drive Car düsen. Die Kids kommen angelaufen und winken. Die Damen und älteren Herren bleiben sitzen und gucken interessiert dem Treiben an. Die Ziegen der Dorfbewohner springen hektisch von der Straße, während die Kids „Mzungu“ rufen, was ungefähr „Weißer“ oder „reicher Mann“ auf der Landessprache chichewa bedeutet.
Wir lassen Dörfer mit Trinkwasserbrunnen und kleinen Verkaufsständen hinter uns und fahren über weite Felder. Die Dörfer die jetzt kommen haben noch weniger als die zuvor. Noch weniger die Chance Geld zu verdienen oder auszugeben. Sie sind von dem „städtischen“ Leben fast komplett abgeschnitten. Ein Barbershop ist die einzige Dienstleistung, die hier gegen Geld verkauft wird. Dann taucht links vor uns plötzlich an ein neu aussehendes Häuschen auf. „This is one of your toilets“ sagt Titi und kommt kurz davor zum stehen. Und tatsächlich ein runder Kreis mit einem leicht verfremdeten Manie Machiatto strahlt uns an. Die Toilette bildet den Anfang von Chimteka Village und bietet aktuell 2-3 Familien Zugang zu sanitärer Grundversorgung.
Der erste natürlich hergestellte Kompost sei aber erst nächstes Jahr fertig. Die Toiletten sind sehr sauber und riechen nicht unangenehm. Wir sind erleichtert und eine gewisse Freude macht sich in meinem Körper bemerkbar. Es geht. Sie haben es geschafft. Der Prozess des kompostieren müsse aber noch verstärkt in die Köpfe der Menschen kommen, erklärt uns Titi. Viele vergessen oder verstehen nicht, dass Sie nach ihrem Geschäft Wasser benutzen müssen. Für diese Art von Toilette brauche es aber Wasser, um Kompost herzustellen. Es ist entscheidend um die Amoniaksäure abzuschwächen, die den Prozess aufhält. Wir einigen uns darauf, dass das Toilet Komitee sich mit den Agricultural Experts zusammen tut und gemeinsam weitere Aufklärung zu betreiben. Denn die von der Regierung eingesetzten Hygiene Spezialisten erzählen nur, wie die Toiletten sauber zu halten sind, nicht wie Kompost hergestellt wird.
Das ist auch sehr wichtig, denn wie man hygienisch lebt und mit Sachen umgeht muss den Menschen weiter erklärt und beigebracht werden. Viele verstehen es nicht oder vergessen es.
Es unerlässlich regelmäßig über Hygiene zu sprechen. Da sind wir uns alle einig und schlagen vor, dass die Menschen von Chimteka vor oder nach der Kirche über Hygiene reden. Bestenfalls in Kombination mit Kompost. Dafür muss aber erst einmal die Grundlage geschaffen werden. Darauf werden wir Francis nochmal ansprechen. Francis ist der Leiter der nächst gelegen Schule der Chimteka School. Er ist die Autoritätsperson und mit verantwortlich für die Dorfgemeinden in Mchinji.
Von weitem hören wir schon die Frauen singen und so machen wir uns nach kurzer dokumentarsicher Arbeit unserer ersten Toilette auf den Weg in das Dorf. Singend, tanzend und lachend werden wir von den Frauen, Kindern und Männern begrüßt. Nach den Feierlichkeiten werden wir gebeten uns neben die Dorfältesten und den Chief zu setzten, während der Rest des Dorfes sich in den Schatten des großen Baumes setzt.

Die Reden von Francis und dem Chief adressieren nochmal die Wichtigkeit von sauberem Trinkwasser und Hygiene. Beide appellieren an die Bewohner das umzusetzen, was ihnen die Hygiene Experten der Regierung bei ihren besuchen mitteilen. Sie danken für die gute Mitarbeit und den großen Einsatz der vergangenen Projekte und bitten uns nicht auf zuhören, weiter zu machen. Die Arbeit die wir vor Ort leisten sei maßgebend für die ganze Region.

Während der Rede von Martin spürt man, dass sich die Atmosphäre bei den Kindern ändert. Es wird gefüstert und gekichert. Eine gewisse Aufregung macht sich breit. Ungeduldig warten Sie auf die Spielsachen und rätseln was wir wohl diesmal dabei haben.
Mit im Gepäckk sind: ein Fussball für die Jungs, ein Ball für die Mädchen, ein Frisbee und ein großes Springseil.

Kaum wurde der Ball von Martin mit einem Volley hoch in die Luftgeschossen stürmen die Jungs zu ihrem Fussballplatz, der im Endeffekt auch nur eine große freie Fläche ist. Die Tore sind 3 Äste, die gemeinsam mit dem Boden ein Viereck ergeben. Zwei gerade in den Boden gehauen und ein Ast quer drüber als Latte. Der Boden ist vertrocknetes Gras, aber die Kids spielen darauf, als wäre es das Saint Denis in Paris und es ginge um den Sieg der Europameisterschaft.
Die Mädchen spielen mit ihrem Ball ein Spiel, dass ich nicht verstehe. Sie bauen sich in fünf ungleich großen Gruppen auf, werfen den Ball hoch, eine fängt ihn und dann bricht großes Chaos aus. Es erinnert mich ein bisschen an Cricket. Man guckt Sport in Afrika, versteht nichts es passiert scheinbar nichts spektakuläres und auf einmal bricht großes Chaos aus. Scheint aber Spaß zu machen und alle lachen und schreien und wollen den Ball haben.
Die Frisbee ist ein neues Gerät und wir müssen den Kindern erst erklären, wie diese Scheibe funktioniert. „You see, it is this little things that make the people happy here.“
Das Springseil wird von den jüngeren Mädchen den ganzen Tag durch die Luft geschwungen und die chichewa Version von „Henriette, Goldene Kette“ wird im Chor mitgesungen.
Das ganze Dorf ähnelt einem großen Spielplatz, nur versteckt sich die Sonne leider an diesem Tag oftmals hinter dicken Wolken und so haben wir nur kurze Zeitfenster, um gutes Footage von unseren neuen Wasserflaschen zu machen. Schade, aber nicht zu ändern.
Die schattige Zeit nutzen wir für epische Choraufnahmen, von dem Gesang des Kirchenchors von Chimteka. Die 25 Sänger und Sängerinnen haben sich schwer in Schale geworfen. Ihre frisch gewaschene Sonntagskleidung strahlt in hellen weißen Hemden und schwarzen Hosen. Die Kirche des Dorfes ist ein großer Raum aus Lehmwänden und das Dach aus Wellblech. Der Chor baut sich in der Mitte des Raumes auf und singt sich kurz warm. Alle Kinder des Dorfes sammeln sich an einem Ende der Kirche und sind still und gespannt, was die Mzungus mit den Mikrofonen und Kameras machen. Hinter unserer digitalen Nikon sammelt sich eine große Traube an interessierten Kindern, die sich energisch darum bemühen den besten Platz hinter dem kleinen Bildschirm zu bekommen. Dann beginnt das 20 Minütigen Konzert, das hoffentlich in Deutschland bald zu einem vernünftigen Album verarbeitet werden kann.
Abschließend gibt es das Cover-Shooting, das im wesentlichen ein Gruppenfoto von dem Chor geworden ist. Alle Mitglieder nehmen Haltung an und die mit stolz gefüllten Gesichter blicken ernst in die Kamera.
Dann führt uns Titi zu allen 16 Toiletten, wobei die letze gerade fertiggestellt wird. Der neue benfecitario arbeitet selber an dem letzen fein schliff und freut sich sehr, dass er jetzt so eine Toilette direkt neben seinem Haus hat. „I could sleep there.“ sagt er uns und zeigt auf sein Haus, das schon etwas älter ist und tatsächlich nicht gerade einladend aussieht. „Zikomo Kwamberi“ – vielen Dank sagt er noch und schüttelt uns zum Abschied freudestrahlend die Hände.
Alle Toiletten sind in einem sehr guten Zustand. Das erfreut uns natürlich, überrascht uns aber nicht wirklich nach den ersten 10 Monaten. Einige Toiletten riechen unangenehmer als andere und wir sind uns einig, dass hygienic education the next import thing is.

Die 6 neuen Toiletten haben noch kein Manie Machiatto Kranz als Zeichen an der Wand und so werden diese 6 erstmalig mit unserem Kumanga e.V. Logo versehen. Großartig.
Nach einer kleinen Runde Frisbee verabschieden wir uns aus dem Dorf und fahren gemeinsam mit Titi guten Gewissens nach Mchinji, um dort zu übernachten.

Morgen geht es früh raus. Wir möchten die Kinder zur Schule begleiten und einen Entreuprenuer treffen, der Sonnenblumenöl herstellt und verkauft. Und wie immer natürlich gutes Foto und Videomaterial sammeln.
In Mchinji angekommen lassen wir uns in der Greenhill Lodge nieder, in der ich gerade in absoluter Dunkelheit diesen Bericht schreibe, weil im ganzen Dorf der Stromausgefallen ist.

Tag 3 – Primary School & Mwinjiliro

Dieser morgen beginnt wie mittlerweile gewohnt sehr früh. Um 5:55 am Morgen donnert das erste Motorrad von dem Hof der Greenhill Lodge lautstark durch das Tor in Richtung Mchinji.
Eine halbe Stunde später verlässt Martin sein Bett und öffnet zärtlich die Tür unseres Zimmers. Jetzt wo ich einmal wach bin und so ungefähr die kälteste Nacht Afrikas mit zwei Pullovern und einer Jogginghose und zwei Decken überlebt habe kann ich einen Kaffee gut gebrauchen.

Der Frühstücksraum des Hotels ist für ca. 30 Menschen ausgelegt, aber wir sind die einzige Gäste und Martin die einzige Person im Raum. Zum Frühstück gibt es Rührei mit Bratkartoffeln.
Draußen legt sich allmählich der Morgendunst und öffnet die Sicht auf eine neue Wolkenschicht. Hmm schon wieder kein gutes Licht für Fotos. Naja. Am morgen möchten wir sowieso die Chimteka Primary School besuchen, da brauchen wir nicht unbedingt Licht.

Ein kurzer, erfolgloser Versuch Wasser aus der Dusche zu bekommen tut unserer Laune keinen Abbruch und so steigen wir ungeduscht und gut gelaunt in den Wagen und machen uns wieder auf den Weg nach Mchinji.
Kaum stoppt unser Auto vor der dem Büro des Head Masters bricht in der Schule das komplette Chaos aus. Die Kinder rennen aus ihren Klassenräumen hin zu unserem Auto. Martin geht einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach: Fotos mit den Kindern machen. Lautes Geschrei, großes Gedränge und freudige Gesichter sind die logische Folge.

Wir werden von dem HeadMaster in seinem Büro empfangen und er erzählt uns über die allgemeine Situation dieser Schule. Insgesamt haben Sie 777 Schüler aufgeteilt in 8 Klassen also ca. 100 Schüler pro Klasse und pro Klasse gibt es 1 Lehrer. Suboptimale Zustände so viel ist den Menschen hier auch bewusst, sie sind trotzdem stolz, dass sie hier sind und die Kinder der Region lehren können. Einhergehend mit einem Mangel an Lernmaterial, Stühlen, Bänken und Licht ist dies sicherlich kein Ort, an dem wir gerne zur Schule gegangen wären. Aber die Kinder hier sind stolz. Alle tragen sie die saubere Schuluniform und sitzen hochmotiviert in den Klassenräumen und hören aufmerksam den Lehrern zu. „Right now school ends after the 7th grade, but we are building a room for the 8th grade.“ erzählt uns Francis und zeigt uns die bereits gefertigten Bricks zum Bau des nächsten Raums.
Wir besuchen den Matheunterricht der 7. Klasse, der auf Englisch gehalten wird und haben das Gefühl, dass alle mächtig aufgeregt sind, weil wir mit Kameras und Lichtern in den Raum kommen. Wir erklären den Jungs und Mädchen, was wir mit den Aufnahmen vorhaben und so legt sich die Aufregung. Am Ende der Stunde stellen sich noch ein paar Schüler/ -innen freiwillig vor und erzählen von ihren Wünschen und Träumen. Viele möchten Arzt oder Krankenschwester werden. Was zeigt, dass Krankheiten hier immer noch eine sehr große Rolle und für sehr viel Leid verantwortlich sind. Viel mehr möchten wir den Unterricht auch nicht aufhalten, vor allem da es der letzte Tag vor den finalen Prüfungen dieses Jahr sind.
Gemeinsam mit Francis fahren wir zu dem nahegelegenen Dorf Chimteka und verfeinern unsere Dokumentation.
Mittlerweile ist es 13 Uhr und mein Magen hängt auf halb Acht. Die letzte Packung Kekse ist halb leer und besteht sowie so nur noch aus Krümmeln. Egal rein damit. Wir holen Titi und wollen nach Mwinjiliro Village, dem Dorf des 2. Brunnens fahren. Der kommt mit einer Entourage von 6 Männern zum Auto, die uns noch etwas zeigen möchten. Also fahren wir mit 9 Leuten, 4 davon auf dem Dach durch Chimteka Village. Das Dorf hat große Ausmaße und so fahren wir bestimmt eine viertel Stunde. Unser Weg führt auch einer einem mit Stacheldrahtzaun abgesperrtem Bereich vorbei. „Thats a private farm of a doctor from Lilongwe. She does not allow people to fetch water from her very own borehole. You see? It’s not even in use.“ Kopfschüttelnd und enttäuscht fährt Titi weiter und nach kurzer Zeit über leerer Felder kommen wir zu einem kleinen Fluss. Wir können es kaum glauben, doch an der anderen Seite trinkt gerade eine Herde Kühe und an unserem Ende liegt ein kleines hölzernes Boot. Aus irgendeinem Grund läd uns der Chief des Dorfes und die anderen 3 zu einem kleinen Bootstrip ein. Die Vegetation ist ein völlig andere und ein paar erste Kleinbauern haben sich an dem Flussbett niedergelassen. Auf den Feldern wächst schon der erste Kohl und die Erde sieht sehr nährreich aus. Ein guter Ort um zu farmen – da sind wir uns sicher. Hohe Gräser umgeben den Fluss und nach einer kleinen Tour stehen wir wieder auf festem Boden. Der Fluss ist insgesamt vielleicht 150 m lang und 2,50m breit.

Wir nutzen die Chance und besprechen gemeinsam mit Titi, dem Chief und Francis die Notwendigkeit von guter Agriculture. „This is the right place to feed the Village.“ eröffnet Titi und auch Francis ist sich sicher, dass man hier deutlich mehr Felder anlegen sollte. Der Chief äußert ein paar Zweifel, ist am Ende aber einsichtig und verspricht hier weitere Felder zu bewirtschaften.

Dann geht es weiter zu Mwinjiliro Village. Auf dem Weg lassen wir die 6 anderen Männer an ihrem Dorf raus und fahren noch tiefer in Mchinji District.
Das erste was man von Mwinjiliro Village sieht ist der Brunnen, der ein paar Blessuren der letzten Jahre trägt. Der soakway, in dem das Wasser abfließt bröckelt zum Ende hin auf. Gemeinsam mit Francis adressieren wir dieses Problem, damit er nicht weiter aufbricht. Wir vereinbaren schnelle Reparaturen und werden für diese selbstverständlich bezahlen. Wir machen ein paar Fotos, lassen den Kindern zwei Bälle da und verabschieden uns wieder…

Im Juli 2017 werden wir wieder nach Malawi reisen – diesmal mit einer kleinen Kumanga Delegation bestehend aus Mitgliedern und Kumanga Freunden. Es werden neue Projekte angeschoben und Schulungen in Sachen nachhaltiger Agrarwirtschaft und Wassernutzung für die Dorfbewohner gegeben. Was wir dort erleben, welche Erfahrungen wir machen, welche neuen Denkweisen angestoßen werden und welchen Spaß uns dieser soziale Austausch direkt mit den Menschen vor Ort bringen wird, erfahrt ihr bald in einem neuen Bericht.

Kumanga im Herzen und natürlich Wasser für alle | Tim

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